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GOTTFRIED KELLER (1819 - 1890) / FRIEDE DER KREATUR
Gottfried Keller (1819 - 1890) Der Schweizer Dichter und Politiker entwickelte sich vom Landschaftsmaler zur politischen Lyrik und wurde einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Von 1861 bis 1876 war er zudem Staatsschreiber der Republik Zürich. Bekannt sind vor allem Der grüne Heinrich, Die Leute von Seldwyla und der Novellenzyklus.

Foto © André Mégroz

 

Friede der Kreatur

Spinnen waren mir auch zuwider
All meine jungen Jahre,
Liessen sich von der Decke nieder
In die Scheitelhaare,
Sassen verdächtig in den Ecken
Oder rannten, mich zu schrecken,
Über Tischgefilde und Hände,
Und das Töten nahm kein Ende.

Erst als schon die Haare grauten,
Begann ich sie zu schonen,
Mit den ruhiger Angeschauten
Brüderlich zu wohnen
Jetzt mit ihren kleinen Sorgen
Halten sie sich still geborgen,
Lässt sich einmal eine sehen,
Lassen wir uns weislich gehen.

Hätt ich nun ein Kind, ein kleines,
In väterlichen Ehren,
Recht ein liebliches und feines,
Würd ichs mutig lehren,
Spinnen mit den Händchen fassen
Und sie freundlich zu entlassen;
Früher lernt' es Friede halten
Als es mir gelang dem Alten!

André Mégroz, Quellenstrasse 10, 9016 St. Gallen, E-Mail: insects@bluewin.ch, Tel. 071 288 39 67
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